Tages-Anzeiger; 2001-02-05; Seite 15 - Stadt Zürich

30 000 Franken für eine Hochzeit

Für die Planung des romantischsten Tag des Lebens sind kühle Rechner gefragt. An der Messe "Trau Dich" buhlte die Hochzeitsindustrie um die Brautpaare.

Von Janine Hosp
Noch bevor die Heiratswilligen einen Pfarrer verpflichtet, noch bevor sie ein Restaurant reserviert haben, fallen die ersten Auslagen an: 15 Franken je für den Messeeintritt. Bleiben 29 970 Franken für die durchschnittliche Hochzeit - die lassen sich Brautpaare nämlich 30 000 Franken kosten, wie Janine Schmidt sagt, Geschäftsführerin vom "Hochzeits-Generalunternehmen" Bestwedding. Damit geben die Zürcher Paare, bedingt durch die hohen Preise in der Region, 20 Prozent mehr aus als jene in der übrigen Schweiz. 1999 wurden im Kanton Zürich 7898 Paare getraut. Wenn nun im Schnitt jedes 30 000 Franken für seine Hochzeit ausgegeben hat, schaute für die Hochzeitsindustrie kühl gerechnet die stolze Summe von 237 Millionen Franken heraus.

Gefühle und - Geld
Von diesem Kuchen wollten sich am vergangenen Wochenende an der Hochzeitsmesse "Trau Dich" viele ein Stück abschneiden - und brachten das Budget der Brautleute zum Schmelzen. Trauringe, Gold: minus 4000 Franken. Das Hochzeitskleid mit Täschchen und assortierten Schuhen: minus 2500 Franken. Farb- und Stilberatung, Make-up inklusive: minus 325 Franken. Tischdekorationen: minus 600 Franken. Der Transport während eines Tages im Rolls-Royce Silver Shadow II mit "James": 980 Franken. Der Fotograf Rocco Sette ("In Ihrer Ausstrahlung sehe ich Gefühle und Emotionen"): minus 6000 Franken. Das Abendessen für 60 Personen auf dem Aargauer Schloss Böttstein: minus 7200 Franken. Die fünfstöckige Hochzeitstorte "London" der Bäckerei Lienert: minus 1080 Franken. Eine Vier-Mann-Band der Agentur "Letz Fetz": minus 3000 Franken. Und nicht zu vergessen die Trauung durch einen freischaffenden Theologen, individuell und konfessionsfrei: minus 1500 Franken plus Spesen. Bleiben nicht einmal 2785 Franken für kleinere Posten. Für Flitterwochen an der Sonne ist kein Geld mehr übrig. Die Besucherinnen und Besucher kamen meist paarweise ins Kongresshaus, junger Mann und junge Frau, manchmal stand der künftigen Braut aber auch die beste Freundin zur Seite. Sie wurden im Kongresshaus von über 80 Ausstellern umworben. Das ist ein Drittel mehr als vergangenes Jahr, als die Messe zum ersten Mal durchgeführt wurde. "Plötzlich will jeder mit Hochzeiten Geld verdienen", sagt Janine Schmidt, die vier Jahre im Geschäft ist. Aber die Branche wächst mit dem Kuchen: 1995 war er mit 7309 geschlossenen Ehen schätzungsweise 219 Millionen Franken gross, 1999, wie gesagt, 237 Millionen. Wie Janine Schmidt beobachtet, werden Braut und Bräutigam tendenziell älter, immer öfter geben sie sich erst nach 30 das Ja-Wort. Gleichzeitig werden die Hochzeitsfeiern kleiner (sechzig handverlesene Gäste statt eine Hundertschaft am Tisch), feiner (ein Lokal mit spezieller Atmosphäre statt ein Ausflugsrestaurant) und kürzer (bis 2 Uhr morgens). Ausgefallene Aktionen wie eine Trauung im Helikopter liegen nicht mehr im Trend; die Brautleute konzentrieren sich heute auf das, was ihnen wesentlich ist. Womöglich hat es mit dem fortgeschrittenen Alter der Paare zu tun, dass auch Brautentführungen, "Skilagerspiele" und Sprüche klopfende Musiker nicht mehr erwünscht sind. Die Feste werden zwar kleiner; billiger - und das wird die Branche freuen - werden sie laut Janine Schmidt aber nicht.

Woher nehmen?
Nicht immer kann das Brautpaar aber 30 000 Franken für die Hochzeit aufbringen, und die Eltern übernehmen die vollen Kosten auch nur noch selten. Manches Paar, dass nicht mehr länger auf den "schönsten Tag" des Lebens warten mag, besinnt sich deshalb auf fremde Hilfe und nimmt einen Kredit auf. Davor aber warnt Hochzeitsexpertin Janine Schmidt: "Schulden sind eine denkbar schlechte Voraussetzung für eine Ehe." Tatsache ist: 1999 wurden im Kanton Zürich 4073 Ehen wieder geschieden.

BILDER THOMAS BURLA
Für das Hochzeitskleid geben die meisten Bräute zwischen 1500 und 2500 Franken aus, die Grenze nach oben ist aber offen.